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Funktionen des Geistes und Karma

Auszüge aus der Vortragsserie 'Systeme der Persönlichkeit'
von Swami Veda Bharati
Teil 5

Geist - ein stoffliches Prinzip

Ein anderes System der Persönlichkeit ist der Geist (engl. 'mind').

Die westliche Philosophie betrachtet Geist als über der Materie stehend. In der Yoga-Philosophie spricht man vom Geist als ein stoffliches, materielles Prinzip. Geist ist die feinste, subtilste Form materieller Energie - nicht atomare Energie, sondern mentale Energie. Es ist die am feinsten vibrierende Form materieller Energie.

So wie das spirituelle Wesen Materie vitalisiert und Prana hervorbringt, verleiht es dieser feinsten Form materieller Energie Bewusstheit. Dort wo das spirituelle Wesen Bewusstheit verleiht, entsteht Geist (mind).

Sobald sich die Meditation vertieft, beginnen die subtileren Essenzen die gröberen zu kontrollieren. Für eine meditative Person gilt: das spirituelle Wesen kontrolliert den Geist - Geist kontrolliert Prana - Prana kontrolliert den Körper.

Ist der Geist ausgeglichen, fließt Prana ausgewogen und kraftvoll. Dann ist der Körper gesund, nicht krank oder schwach.

Für jene, die nicht sich durch Meditation selbst erforschen, kontrollieren die gröberen Essenzen die feineren. Dementsprechend wirken sich Schwächen des Körpers auf Prana aus - und der Zustand des Prana wiederum auf den Geist. Man fühlt sich dann z.B. niedergeschlagen. Ist der Körper krank, ist der Geist beeinträchtigt.

Sprechen wir von Bewusstheit in den Systemen der Persönlichkeit, sprechen wir nicht von der reinen Bewusstheit des spirituellen Selbst. In der Persönlichkeit sprechen wir von Identifikation. Wenn z.B. der Körper verletzt ist, bin 'ich verletzt'. Die Art von Bewusstheit, die der Geist von Dingen hat.

Letztlich werden beide in der Meditation voneinander unterschieden, so dass wir nicht mehr von der äußerlichen Bewusstheit abhängig sind. Wir sprechen hier von jener Bewusstheit, die das Selbst der Persönlichkeit verleiht. Am Anfang des Meditationsweges ist es diese Bewusstheit, mit der wir arbeiten.

Vier Funktionen des Geistes

Jetzt zu den vier Aspekten des Geistes - das System des Geistes innerhalb der Persönlichkeit:

  • Manas - der aktive Geist, alle Emotionen, Gedanken etc.
  • Buddhi hat zwei Gesichter:
    auswärtsgerichtet, intellektuelle Intelligenz -
    nach innen gerichtet, Intuition, die Funktion der Unterscheidung
  • Citta, die Gesamtheit des Geistes - bewusst, unterbewusst, unbewusst. Das individuelle Citta, das kosmische Citta und alles, das im Geist geschieht, intellektuell oder emotionell etc., wird aus dieser Gesamtheit des Citta bezogen.
  • Ahamkara - Ego. Die buchstäbliche Bedeutung ist 'Ich-Macher'. Aus Ahamkara entsteht das Ego. Durch Ahamkara wird das reine Selbst zur Persönlichkeit, die in Wahrheit nicht das Selbst ist.

Durch Ahamkara sagt das reine, transzendente Wesen 'Ich bin (Name), ich leide, ich bin unwissend …'. Hier entsteht begrenzende, falsche Identifikation. Genau das ist Ego: 'Ich bin ein Europäer' - 'Blaue Kleidung steht mir gut' - 'Jemand hat mich verletzt' - all diese verschiedenen Ebenen der Identifikation, in die sich das reine Selbst verliert. Tatsächlich ist das reine Selbst Zeuge aller Dinge ('immer rein, immer weise, immer frei').

Im Yoga bemühen wir uns fortlaufend, diese falschen Identifikationen zu reduzieren. Ein Yogi identifiziert sich nicht.

Zusammen bilden diese vier Funktionen das 'innere Instrument' (antaḥkaraṇa).

(Mehr zu den vier Funktionen: siehe im Menüpunkt Studien/Yogapsychologie)

Karma

Das reine Selbst vollzieht keine Handlungen (karma). Allein die Persönlichkeit mit all ihren Funktionen handelt. Jedes Vergnügen und jeder Schmerz, den man erfährt, ist innerhalb der Persönlichkeit, nicht im Selbst. Das Selbst bleibt immer rein. Durch Ahamkara, das Ego, identifizieren wir uns mit der Handlung und den daraus entstehenden Ergebnissen wie Vergnügen oder Schmerz. Das reine Selbst kennt keine Konflikte. Ein Meister kennt keinen Konflikt - dies ist die Definition einer befreiten Seele. Alle anderen sind zu einem bestimmten Grad neurotisch, denn sie stehen in einem gewissen Grad von Konflikt, es besteht kein vollständiges Gleichgewicht.

Drei Arten des Handelns

Es gibt drei Arten von Handlungen:  Handlungen des Denkens, des Sprechens, des Körpers. Von diesen drei Arten ist das Denken die vorrangige Art des Handelns. Es kommt immer darauf an, was du geistig tust, was immer du im Geist fühlst oder denkst.

Ist dein Geist wirklich rein, kannst du mittels Körper und Sprechen alles Mögliche tun, doch du wirst kein Karma ansammeln. Das ist jedoch keine Entschuldigung für unethisches Handeln. Es zählt immer die geistige Einstellung. Daher sollte man die geistigen Handlungen beobachten und erforschen - alles andere ist dem gegenüber vernachlässigbar.

Es gibt zwei Arten von Handlungen des Geistes: Handeln und Erfahren. Erfahrung ist ebenfalls Handeln. Denn es geschieht im Geist, und du entscheidest dich dafür. Erfahren bedeutet Handeln. Erinnerung ist ebenfalls eine geistige Erfahrung.

Ein Yogi beschäftigt sich mit den Handlungen des Geistes: 'Was bewirkt diese Erfahrung oder diese Handlung in meinem Geist? Stärkt oder schwächt es das Ego? Bringt es mich der Reinheit des Selbst näher oder nicht?' Er beschäftigt sich nicht mit Moralität oder Immoralität, Legalität oder Illegalität von diesem oder jenem. Gesetze, soziale Regeln wie staatliche Gesetze etc., sind insofern für ihn nicht von Belang.

Samskaras

Egal welche Handlung wir vollziehen oder welche Art Erfahrung wir machen - es hinterlässt etwas im Geist. Jede wiederholte Erfahrung bzw. Erinnerung einer Erfahrung hinterlässt Eindrücke und verstärkt die Kraft der ursprünglichen Erfahrung.

Nehmen wir als Beispiel einen Alkoholiker: er trinkt. Später erinnert er sich, dass er beim Trinken bestimmte belastende oder schmerzhafte Dinge vergessen kann. Diese Erinnerung bestärkt die bereits gemachte Erfahrung. Und es ist dieses Bestärken, das ihn erneut zu entsprechendem Handeln antreibt. Man kann ihn nicht davon abhalten, erneut zu trinken, solange man ihm nicht lehrt, nicht mehr in die Erinnerungen der ursprünglichen Erfahrung einzutauchen.

Meditation ist das Unterbrechen dieser Art von Erinnerungsprozessen, das Aussetzen der Erinnerung, damit der Erfahrung und damit der Handlung.

Die geistigen Eindrücke sämtlicher Handlungen (dazu gehören auch Emotionen, emotionale Gedanken etc.) werden als Samskaras bezeichnet. Diese verbleiben in jenem Bereich von Citta, der als Karmashaya bezeichnet wird - der Ruheort der karmas.

Der karmische Prozess

Wann immer man eine negative Handlung ausführt, hinterlässt es einen entsprechenden Eindruck in Citta. Wenn ich jemanden verletze, verletze ich einen bestimmten Bereich in meinem eigenen Citta, denn dort entsteht das Handeln. Die Annahme, dass man den Folgen solcher Handlungen entgehen könnte, ist falsch, denn jede Handlung, jede Erfahrung, jede Erinnerung wird sich in deinem citta einnisten - und verbleibt bei dir. Diese negativen Hinterlassenschaften trüben Buddhi, die Instanz der klaren Unterscheidung.

Durch diese Trübung neigt man in bestimmten Situationen zu falschen Entscheidungen, man erzeugt dadurch seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen. Der Schmerz, den du also selbst erzeugst und erfährst, ist eine direkte Folge deines ursprünglichen Handelns. Beispielsweise: die physische Verletzung einer anderen Person (die dadurch z.B. ins Krankenhaus muss) ist nur das äußerliche, manifeste Ergebnis deines Handelns. Doch es ist nicht die wirklich wesentliche Folge deines Handelns. Dieses verletzende Handeln hinterlässt eine Schuld, die man zurückzuzahlen hat.

Nochmals: ein bestimmtes Handeln hinterlässt Eindrücke in Citta. Sie trüben die Unterscheidungsfähigkeit des Geistes (buddhi). Früher oder später trifft man Entscheidungen in einer Weise, dass das ursprüngliche Handeln in einer Art zur Geltung kommt, die sich selbst betreffen. Das Karma wird erfüllt.

Alles Vergnügen und aller Schmerz ist göttliche Gerechtigkeit. Wir nennen es Karma. Es ist nicht so, dass Gott ein Notizbuch über das führt, was ihr z.B. gerade tut. Es ist der Geist, Citta, der all deine Handlungen aufzeichnet. Diese Notizen werden irgendwann auftauchen, sie werden in den dafür passenden Umständen zu entsprechenden Entscheidungen und dadurch eigenen Erfahrungen führen. Das nennt man die Erfüllung von karma.

Reinkarnation

Wir haben von Jiva gesprochen, dem Selbst, immer rein, weise und frei. Gemäß der Yoga-Philosophie ist Atman, Jiva, niemals geboren, stirbt niemals, hat kein Alter, kein Geschlecht, keine Nationalität, keinen Namen. Das ist, was wir sind.

Tod ist nichts als die Abtrennung des reinen Selbst von der Persönlichkeit. Doch nicht der gesamten Persönlichkeit. Der subtile Körper geht mit dem Selbst mit. Im Prozess des Sterbens taucht die Gesamtsumme der Eindrücke sämtlicher Handlungen des vergangenen Lebens in der inneren Vision auf. Die Gesamtsumme aller Handlungen, aller Emotionen, alles taucht auf - und geht mit dir.

Drei Dinge werden durch diese Gesamtsumme aller Handlungen bestimmt:

  • die Spezies (Gattung), in die man geboren wird
  • die Lebensspanne in dieser Spezies
  • und die Gesamtsumme an Vergnügen und Schmerz, die du in dieser Lebensspanne erfahren wirst.

Drei Arten von karma

Es gibt drei Unterteilungen von Karma:  Prarabdha - Sancita - Kriyamana:

  • Prarabdha - Handlungen, die du im früheren Leben ausgeführt hast, dessen Gesamtsumme bestimmt dein gegenwärtiges Leben
  • Sancita - Handlungen, die du in diesem Leben ausgeführt hast, die aber noch nicht zu einem Abschluss gekommen sind, also noch keine Folgen erzeugt haben -
  • Kriyamana - Handlungen, die du jetzt gerade ausführst - über sie hast du völlige Kontrolle.

Obwohl also Vieles für dieses Leben festgelegt war, Familie etc. - im aktuellen Leben hast du diese Tendenzen entweder weiter gestärkt oder du hast sie geschwächt. Jetzt, in diesem Moment, hast du die völlige Freiheit zu wählen, in welche Richtung du gehen willst, welche Art Handlungen du vollziehst. Statt ein Seminar zu besuchen könntet ihr ins Kino gehen. Du kannst jetzt in diesem Moment zwischen diesem und jenem wählen.

Welche Wahl treffe ich?
Welche Wahl würde welche Eindrücke in meinem Geist hinterlassen?
Zu welcher Art Folgen würde sie führen?

bindu 200

bindu yoga · meditation

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