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Der Prozess der Meditation

von Swami Rama

In diesem etwas gekürzten Abschnitt seines Kommentars zur Bhagavad Gita gibt Swami Rama eine prägnante Zusammenfassung des Meditationsprozesses - vom Beginn der Praxis bis zur Selbstverwirklichung.

Unzufriedenheit

In dieser Welt ist niemand zufrieden. Jeder erkennt das und nimmt es als gegeben hin. Da jedoch die meisten Menschen Angst vor dem Unbekannten haben, suchen sie nicht nach etwas Höherem. Der durchschnittliche Mensch ist sich nicht sicher, dass die Suche nach etwas Höherem ihm tatsächlich etwas Besseres geben kann, als er bereits hat. Mit sich selbst unglücklich hat er doch Angst davor, das Unbekannte zu erforschen. Unzufriedenheit und Furcht sind die zwei großen Feinde des menschlichen Wesens. Der gewöhnliche Mensch klammert sich an seine Unzufriedenheit, da er nichts Besseres kennt.

Wäre er jedoch bereit, sich selbst zu erziehen und Nichtanhaftung zu entwickeln, könnte er schnell etwas viel Besseres finden als das, was er hinter sich lässt.

Ein Inhalt für den Geist

Wird der zerstreute Geist eines Übenden aus seinen Ablenkungen auf den Fokus der meditativen Praxis gesammelt, wird der Geist stabil, er wird einpunktig und sehnt sich nicht mehr nach äußeren Dingen.

Es sollte verstanden werden, was mit Objekt oder Fokus des Geistes gemeint ist. Jeder Mensch hat seinen eigenen Geist, die Kapazität für Wahrnehmung und begriffliches Denken unterscheiden sich sowohl im Grad wie auch in der Qualität. Das Objekt, das den Fokus der Meditation bildet, ist daher von entscheidender Bedeutung. Ist dieser Fokus für den Übenden unpassend, wird er anstatt loszulassen beginnen, mit sich selbst zu kämpfen.

Es stellt sich die Frage: wie kann das Hinzufügen eines weiteren Objekts hilfreich für den Geist sein? Vers 19 sagt uns, dass das Meditationsobjekt nichts anders sein sollte als Atman, das reine Selbst. Alle Objekte, die unser Geist hervorbringen kann, sind unvollständig und unvollkommen. Dieser Meditationsinhalt jedoch ist allumfassend und der Ursprung aller anderen Inhalte.

Das führt zu einer weiteren Frage: wie kann man etwas Abstraktes, Zeitloses, Unendliches und Ewiges als Meditationsobjekt verwenden?

Unterscheidung zwischen Konzentration und Meditation

Um Antwort auf diese Frage zu geben, muss man zwischen Konzentration und Meditation unterscheiden. Es sind zwei verschiedene Zustände und Erfahrungen auf dem inneren Weg. In der Konzentration gibt es keine Meditation, doch in der Meditation ist bereits Konzentration vorhanden. Viele Lehrer glauben heutzutage, dass Meditation ohne Konzentration erreicht werden kann. Diese Vorstellung ist irreführend. Der Geist befindet sich gewöhnlich in einem zerstreuten Zustand. Ohne die geistige Energie zu sammeln und zu konzentrieren, kann der tiefere Zustand der Meditation nicht erreicht werden.

Weshalb sollte man Konzentration fürchten? Manche behaupten, dass Konzentration anstrengend und stressvoll sein kann, daher sollte man es nicht praktizieren. Sie behaupten sogar, dass derartige Schulung nicht nötig ist und erfinden vereinfachte Methoden, die sie dann als Meditation bezeichnen. Doch diese vereinfachten Methoden können nicht Zugang zu den höheren Dimensionen des Lebens ermöglichen.

Um den Geist zu sammeln, benötigt man etwas Gegenständliches: eine Form, ein Bild oder ein Symbol, das eine bestimmte Bedeutung besitzt. Abstrakte Gedanken können in einen kontemplativen Zustand führen, jedoch nicht in einen konzentrierten Zustand des Geistes. Es erfordert einen erfahrenen Lehrer, um das passende Objekt der Konzentration zu bestimmen.

Das Fließen des Atems

Fokussiert man im Üben seinen Geist auf das Fließen des Atems, kann höchste Konzentration erreicht werden. Mit dem Atem als Fokus kann sich der Geist mit Leichtigkeit konzentrieren. Geist und Atem sind eng miteinander verbunden und beginnen jetzt auf koordinierte Weise zu funktionieren. Fehlt diese Konzentration, bleibt dieses Zusammenwirken unbewusst. Diese Koordination auf einer bewussten Ebene herzustellen erfordert Bemühung.

Zum anderen werden in der Konzentration auf den Atem vorhandene Mängel (Schwächen) seiner Atemweise erkennbar. Man wird sich der Atemmuster bewusst, die verändert werden sollten: beispielsweise unregelmäßige oder geräuschvolle Atmung, die Gewohnheit, oberflächlich zu atmen oder die Lücken zwischen Einatem und Ausatem. Diese Tendenzen sind Ausdruck und Ursache vieler physischer Unausgewogenheiten und Krankheiten.

In den meisten großen meditativen Traditionen der Welt bildet der Atem das Zentrum für den geistigen Fokus.

Über den Atem als Fokus der Praxis finden Übende zuerst in den Zustand der Konzentration, die sich allmählich immer mehr verfeinert. Folgt man dem feinen Faden des Atems, entsteht Verinnerlichung. Der Geist entfaltet seine subtilen Kapazitäten und man findet in ein alles durchdringendes inneres Gewahrsein.

Konzentration und Meditation dienen letztlich allein dazu, Atman (das spirituelle Selbst) zu finden. Dafür ist Einpunktigkeit des Geistes erforderlich.

Atem und Mantra

Manche Traditionen betonen hierfür die Koordination von Atem und Mantra. Ein Mantra ist eine Klangschwingung, eine Silbe oder eine Gruppe von Worten. Es dient als Mittel, alle Unreinheiten des Geistes zu beseitigen.

Als Sadhaka (Übende/r auf dem Weg, Suchende/r) erreicht man in der Praxis einen Punkt, an dem man nicht nur atmet, sondern sich in jedem Ein- und Ausatem fortwährend des Mantras bewusst ist. Wenn sich das Gewahrsein des Mantras weiter vertieft, wird es zum Führer des Geistes in der inneren Welt. Dann wird der Student darin angeleitet, sich des stetigen inneren Lichts bewusst zu werden. Erfährt der Geist dieses Licht, erlebt er einen erhöhten Zustand der Freude, die er zuvor nie kennengelernt hat. Dieses innere Licht ist das subtilste Objekt.

Das Licht des Bewusstseins

Ohne dieses Licht wären wir nicht dazu fähig, in der äußeren Welt irgendetwas zu sehen, zu beobachten, zu überprüfen oder zu unterscheiden. Es ist das Licht des Bewusstseins, das jetzt in konzentrierter Form erfahren wird. Der Geist beginnt, klar zu sehen - er ist nicht mehr vernebelt. Hier werden schließlich das Licht des Bewusstseins und das Mantra eines. In dieser Phase erinnert man nicht mehr das Mantra, vielmehr offenbart sich seine wahre Qualität und Bedeutung.

Anfangs praktiziert man sein Mantra auf einer eher groben Ebene, doch allmählich wird es auf subtilere Weise erfahren. Sobald sich ein andauerndes Gewahrsein des Mantras entwickelt, vereint es sich mit dem zentralen Strom des Bewusstseins, in dem Licht und Klang untrennbar eines sind. Dies ist der vollkommene Zustand der Konzentration.

An diesem Punkt erlangt man vollständige Kontrolle über den Geist und erfährt fortwährende Nähe und Einheit mit dem selbstleuchtenden Atman. Hat ein Sadhaka diese Kunst der Konzentration gemeistert, ist sein Geist allein auf das innere Selbst fixiert. Ein ungeschulter Geist ist zerstreut, gestört und unstet; der Geist eines Sadhaka erlangt Stetigkeit. Solch ein Sadhaka beherrscht und kontrolliert den Fluss der mentalen Energie.

Das Objekt der geistigen Praxis

Das Objekt der Konzentration sollte von Beginn an sehr sorgfältig ausgewählt werden. Erst beginnt man mit dem Atem, er wird später mit einem Mantra koordiniert und vereint. Auf einer höheren Ebene ist es die Vereinigung von Klang und Licht. Im höchsten Zustand existiert nur mehr reines Bewusstsein.

Quelle:
Swami Rama, Perennial Psychology of the Bhagavad Gita (1985), Chapter 6: Path of Meditation.
Himalaya Gipfel in der Morgensonne

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